Weihnachten im Wintersport

Weihnachten: Das ist – abgesehen von seinem Stellenwert für Christen in aller Welt – auch das Fest der Liebe, des Friedens, der Besinnung.  Die Vorweihnachtszeit dagegen ist im richtigen Leben oft genug der pure Stress. Geschenke wollen besorgt, das Fest vorbereitet, Oma und Opa beherbergt und beköstigt werden und oft genug hängt der Haussegen alleine schon deshalb schief, weil damit zu rechnen ist, dass Erbtante Elfriede alle Jahre wieder pünktlich zu den Feiertagen über die Familie herfällt und aus diesem Grunde die Stimmung daheim schon vor dem Fest ungefähr so frostig ist, wie die Temperaturen bei Santa Claus am Nordpol.

Es gibt aber auch eine Spezies, die hat im Advent gar keine Gelegenheit, sich mit derlei Petitessen zu beschäftigen. Vielmehr beschäftigen sich Wintersportler im Dezember eher mit Flugplänen, Hotelbuchungen, dem Wetterbericht und natürlich mit der Konkurrenz. Beispielsweise Richard Freitag. Der Skispringer kommt aus Sachsen, genauer gesagt aus dem Erzgebirge. Das gilt gemeinhin als Weihnachtsland,  geprägt von Schwibbögen und Räuchermännchen, von Weihnachtsmärkten mit Pyramiden, Glaskugeln und allerlei Schmuck für den Weihnachtsbaum, von Zimtsternen, Zuckerwatte, Nussknackern und Christstollen. Freitag kennt das alles eigentlich nur noch vom Hörensagen. Denn seit 2009 ist der inzwischen 28-jährige im Weltcup unterwegs. Und da lautet in diesem Jahr die Reiseroute an den Advents-Wochenenden: Kuusamo –Nishny Targil – Klingenthal – Engelberg. Der letzte Trip, der in die Schweiz, endet am 23. Dezember, dann erst kehrt das ein, was man gemeinhin Besinnlichkeit nennt.

Man könnte also glauben, Skispringer hätten mit Weihnachtsmann und Christkind nichts am Hut, aber weit gefehlt: „Egal wo wir sind, überall ist es festlich geschmückt, es riecht förmlich nach Weihnachten und Schnee haben wir eigentlich auch immer, da kommt schon so etwas auf, wie weihnachtliche Stimmung“, meint der Sachse und ergänzt, man sei zwischen den Springen ja auch ein paar Tage daheim, das würde dann für Vieles entschädigen. Richard Freitag muss in den wenigen Tagen zwischen den Springen aber auch gleich noch wahre Wunder vollbringen – beispielsweise die Geschenke besorgen. „Das schaffe ich in den freien Tagen auch immer noch und wenn nicht, gibt es ja noch die Möglichkeit „online zu ordern“, sagt der gebürtige Erlabrunner. Letzteres sei aber nur die absolute Notvariante.

Das Fest selbst kann Freitag dann genießen; wenngleich wiederum ein wenig anders als bei Familie Otto Normalverbraucher. Denn während nach Heiligabend und Bescherung der erste Feiertag oft ausschließlich der Entspannung dient  – es sei denn, besagte Erbtante treibt noch ihr Unwesen – zieht es Richard Freitag wie die anderen Spitzenspringer auch schon wieder zum Training. Die Vierschanzentournee steht an, einer der großen Saisonhöhepunkte, folglich wird durchtrainiert. Was wiederum dabei hilft, die Kalorien zu verbrennen, die zwangsläufig ins Spiel kommen, wenn an den Weihnachtsbraten gedacht wird. Im Hause Freitag verzichtet man übrigens auf das erzgebirgische „Neunerlei“ (sprich: „Neinerlaa“). Das  ist ein alter Weihnachtsbrauch, der im Erzgebirge sowie teilweise auch im Vogtland und im Egerland am Heiligabend gepflegt wird. Kern des Neunerlei  ist ein Weihnachtsessen aus neun Gerichten oder deren Bestandteilen, die stark variieren können.  Stattdessen gibtes bei Freitags entweder Wild oder einen zünftigen Hasenbraten, die original Grünen Klöße aus dem Erzgebirge sind allerdings ein „Muss“. Allerdings gilt es Maß zu halten, schließlich will Richard ein paar Tage später nicht mit Übergewicht und einer halben Gänsekeule als Rucksack in Oberstdorf starten. Überhaupt Oberstdorf: Die Tournee ist natürlich auch an den Feiertagen allgegenwärtig, durchaus drin, dass man am ersten Feiertag schon mal eine Woche vorausdenkt, ans Neujahrsspringen und dort will sich Richard Freitag natürlich von seiner besten Seite zeigen.

Klingt alles wenig besinnlich, wenig erholsam, klingt nach „Business as usual“. Aber Richard Freitag ist mit sich im Reinen, er vermisst nichts. „Alles eine Frage der Disziplin!“, so der Sachse. Um dann doch zu gestehen, manchmal schon an die Zeit nach der sportlichen Karriere zu denken. Und sich darauf zu freuen, mal ein paar Wochen am Stück an einem Ort zu vollbringen und vor Weihnachten ausschließlich an Bescherung, Glühwein, den Besuch von Weihnachtsmärkten und das Verpacken der Geschenke zu denken und nicht immer daran, ob in den Sporttaschen auch alle wesentlichen Reiseutensilien vollständig eingepackt sind.

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