Vertrauen auf Hände und Gefühl

Fritz Hinteregger ist bei Norwegens Biathleten Phyisiotherapeut – aber eigentlich viel mehr

Wer kann schon von sich sagen, dass er im Alter von 56 aussieht, als wäre er zehn Jahre jünger und fühle sich wie Anfang 40? Fritz Hinteregger kann das. Deshalb müsste er eigentlich „Felix“ heißen – der Glückliche! Seit 15 Jahren ist der Mann mit dem charmanten Südtiroler Akzent als Physiotherapeut im Team der Norweger dabei, aber eigentlich ist die Berufsbezeichnung irreführende, Hinteregger ist – wie viele seiner Zunft – die gute Seele der Mannschaft. Denn die Jungs liegen bei ihm nicht nur auf der Pritsche, um die müden Muskeln zu lockern oder Wehwehchen zu kurieren. Fritz Hinteregger ist auch der Mann für’s Gemüt, kennt so manches Geheimnis seiner Schützlinge, das nicht einmal Frau, Freundin und schon gar nicht die Trainer erfahren und manchmal kann er auch dafür sorgen, dass die eine oder andere Information diskret an die richtige Stelle gelangt. Oder eben auch geheim bleibt. Hauptberuflich aber ist der Südtiroler der Mann mit den heilenden Händen und damit ein Mosaiksteinchen des Erfolgs der Skandinavier.

Angefangen aber hat alles an der Eisrinne, denn Hinteregger arbeitete zu Beginn seiner Laufbahn bei Italiens Rennschlittensportlern, betreute Champions wie Olympiasieger Armin Zöggeler. Anschließend war er beim italienischen Biathlonteam dabei, ehe der Superstar der Sportart, Ole Einar Björndalen, in sein Leben trat. Mit „Mister Biathlon“ ist Hinteregger noch heute freundschaftlich verbunden und kommt die Rede auf den Norweger, gerät der bärtige Mann mit den goldenen Händen fast ein wenig ins Schwärmen. „Der Ole Einar war so ein bisschen wie Michael Schumacher in der Formel 1. Er war Perfektionist und hatte unglaublich viel Gefühl. Deshalb kamen vom ihm immer extrem konkrete Rückmeldungen, welche Anwendungen wie wirken. Das hat unglaublich geholfen.“, erklärt der erfahrene Physiotherapeut fast ein bisschen mit Stolz in der Stimme. Im aktuellen Kader käme Johannes Tignes Boe Großmeister Björndalen am nächsten. Aber, so fügt Hinteregger sofort hinzu, einen speziellen Liebling gebe es für ihn nicht.

Das Erfolgsgeheimnis der Norweger ist seiner Meinung nach eigentlich gar kein Geheimnis. Vielmehr sei das gute Klima in der Mannschaft ein Faktor, die gute Zusammenarbeit zwischen Sportlerinnen und Sportlern, Trainern, Technikern und dem gesamten Umfeld ein weiterer und natürlich die Tatsache, dass innerhalb der Mannschaft ein extremer Leistungsanspruch herrsche. „Anderswo war es ein Ziel, in die Nationalmannschaft zu kommen. War man drin – Ziel erreicht. Bei den Norwegern ist der Leistungsdruck ein anderer, weil immer wieder gute Leute aus dem Nachwuchs nachrücken.“ Außerdem seien Top-Leistungen das Mittel, um wirtschaftlich ebenfalls erfolgreich zu sein. Das präge! Und die Gerüchte vom vielen Geld, dass Norwegens Skiverband für seine Schützlinge aufbringen würde, sei eher eine Fabel. Bestes Beispiel ist das Saisonfinale in Östersund: „Wir schlafen in Jugendherbergen, haben eine Köchin mit – und das war es auch schon. Trotzdem gibt es keine schlechte Stimmung. Auch Weltmeister und Olympiasieger können ihre Bettdecken am Morgen alleine aufschütteln.“ Anderswo sei die Laune schon schlecht gewesen, wenn es statt einem 4-Sterne-Hotel nur eine 3-Sterne-Herberge gegeben hätte, schmunzelt Hinteregger.

Keine Erklärung hat der Südtiroler dagegen für seine Beliebtheit bei Sportlern und Kollegen. Er mache halt seinen Job, erklärt er bescheiden. Dass er sich dabei zwar offen für alle innovativen Ideen zeigt, dennoch aber vorzugsweise auf die eigenen Erfahrungen zurückgreift, ist kein Geheimnis. „Ich vertraue in erster Linie meinen Händen und meinem Gefühl.“, sagt er bestimmt. Maschinelle Hilfe sei sein Ding dagegen nicht, natürliche Bewegung das Beste. Sätze wie: „Wer wieder eine Treppenstufe steigen kann, sollte dies tun und nicht zwingend den Stepper nutzen!“ gehören zu seinem Credo. Und: „Bei mir gibt es maximal Arnika-Salbe und nicht 1.000 Pülverchen.“ Dagegen ist die so genannte Rolfing-Technik bei ihm einer der Favoriten. Dabei wird viel an den Faszien gearbeitet, das dient der schnelleren Regeneration.

Solange der Job Spaß macht, gesundheitlich alles passe und er so tolle Jungs betreuen könne, wolle er weitermachen – diese Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen, fragt man nach einem möglichen Karriere-Ende. Dann aber fügt er hinzu, dass die vielen Reisen schon zu einer gewissen Ermüdung führen würden. Andererseits sei es schön, viele Ecken der Welt kennenlernen zu können. Und außerdem halte ihm seine Frau den Rücken frei – das sei mit am Wichtigsten. Entspannung findet Fritz Hinteregger daheim im Bio-Olivenhain und dem Weingarten in den Marchen, dort betreibt er nämlich mit seiner Frau einen kleinen Biohof. Das Rückzugsterrain ist noch Hobby, vielleicht aber irgendwann mehr. Denn augenzwinkernd verrät Fritz dann doch noch ein Geheimnis. „Der Johannes Tignes Boe und ich – wir wollen gemeinsam in Antholz aufhören!“ Hoffentlich nicht so bald!

 

Titelbild: K.Voigt Fotografie

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