Sigi Heinrich-Blog: Ein Urgestein hört auf

Jetzt ist also doch passiert, was man nie für möglich gehalten hatte: Wolfgang Pichler, das Trainer-Urgestein im Biathlon, hört  am Ende der Saison auf. Dass dies jetzt offiziell in Antholz bekanntgegeben wurde, mag Zufall sein aber es ist auch ein Stück weit emotionale Bindung, die diesen Augenblick nach Südtirol bringt. Denn hier erlebte Pichler einen seiner grössten Momente als Coach der Schweden. Bei der letzten Weltmeisterschaft 2007 war die Mixed-Staffel zum ersten Mal im offiziellen WM-Programm. Es gab Medaillen dafür und der Taktikfuchs Pichler wusste und ahnte, dass dieser Wettbewerb die beste Chance für sein Team bot, auf das Podium zu klettern. Während viele Nationen nur die zweite Garnitur aufboten, schickte Pichler seine Besten zu diesem Zeitpunkt ins Rennen. Helene Ekholm, Anna Carin Zidek, Björn Ferry und Johan Bergmann. Es sollte die Wiedergurt des schwedischen Biathlons werden nach dem Ende der glorreichen Zeit von Magadela Forsberg. Schweden gewann, Freudentränen flossen so viele, dass man einen Masskrug damit hätte füllen können. Und Wolfgang Pichler setzte noch einen Baustein zu seiner Legendenbildung hinzu.

Er war der Trainer, der Forsberg formte und noch unter ihrem Mädchennamen Wallin aus einer Langläuferin die beste Biathletin ihrer Zeit formte. Mit Anna Carin Zidek, die später Ohlsson hiess, gelang ihm das erneut. Der gebürtige Ruhpoldinger, dessen Vater als einer der Pioniere des Biathlonsports in Ruhpolding gilt, hatte immer ein gutes Auge für Talente. Aber er war ein strenger Lehrmeister. Helene Ekholm, die ich mittlerweile oft treffe bei den Biathlon-Veranstaltungen hat mir gebeichtet, dass Pichler kompromisslos war.

„Ich habe in meinem Leben nie so hart trainiert wie bei ihm“,

sagt sie. Diese Konsequenz hat er bei allen seinen Aktivitäten immer angwandt. Ob es nun darum ging, Sponsoren aufzutreiben oder sich selbst wieder in Form zu bringen am Rudergerät oder mit dem Tennisschläger (er spielt sagenhaft gut) nachdem der Wohlstand auch bei ihm um die Hüfte zu erkennen war.

Nur einmal konnte man an ihm zweifeln. Als er, der erklärte Dopinggegner, der Russland mit scharfen Äußerungen gegen sich aufbrachte, ausgerechnet einen Vertrag in Russland unterschrieb, um die Damenmannschaft für die Olympischen Spiele in Sotschi fit zu machen. Wurde er als Feigenblatt eingekauft? War er sich der Problematik dieser Situation immer in vollem Umfang bewusst? Oder erlag er, was durchaus menschlich ist, den Zahlen auf dem Vertragspapier? Er hielt vier Jahre durch und ich weiß, dass er dies auch als eine Zeit sieht, die ihn durchaus geformt hat. Er hat wieder, wie es seine Art ist, neue Aspekte und Betrachtungsweisen kennengelernt.

„Ich dachte vorher, ich weiß schon alles. Aber da habe noch einmal dazu gelernt“,

sagt Pichler über diese Zeit. Nachwirkungen davon spürte er noch vier Jahre später vor den Olympischen Spielen in Südkorea, als er erst im letzten Moment eine Akkredierung bekam, denn sein danach folgender Arbeitgeber- natürlich Schweden – sah ihn als ehemaligen Trainer der russischen Damen auch involviert in das erwiesene Staatsdoping für Sotschi.

Das war sicherlich eine seiner schwierigsten Zeiten und doch blieb er auch hier seiner Maxime treu, mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg zu halten. Das hat ihm manche Türen, wie jene beim Deutschen Ski-Verband (DSV) verschlossen, aber die Schweden mochten seine Art und trauten ihm den Neuaufbau zu, im Hinblick auf die Weltmeisterschaften in diesem März in Östersund. Auf dem Weg dorthin holte das schwedische Team in PyeongChang zwei Goldmedaillen und zwei Silbermedaillen. Bessere Werbung für die WM in Schweden hätte es nicht geben können. Sogar König Carl Gustav wurde in Südkorea zu einem großen Fan der schwedischen Biathlonmannschaft. Pichler hat die Umstrukturierung der Mannschaft erneut durchgezogen, ohne auf manche Befindlichkeiten zu achten. Er hat bedingungslos auf junge Sportler gesetzt.

„Wenn ich zwei habe, die gleich gut sind, setzte ich den jüngeren Athleten ein“,

meinte er. Und diesen Weg hat er nie verlassen. Mittlerweile ist er in Schweden so bekannt wie Mats Wilander oder Ingemar Stenmark. Er ist ein Star, der auch jüngst wieder eine grosse Auszeichnung erhalten hat. Recht so.

Nach mehr als 24 Jahren als Trainer geht eine wirklich grosse Karriere in diesem Metier zu Ende.

„Irgendwann muss auch mal Schluss sein“,

sagte er so ruhig wie möglich. Doch seine Stimme zitterte in diesem Moment. Wir werden uns dennoch weiter einmal im Jahr während des Weltcups in Ruhpolding treffen. Das hat Tradition. Es gibt Weißwürste, Brezen und Weißbier (alkoholfrei). Mit dabei sind immer auch die norwegischen TV-Kollegen und es ist ein genialer Gedankenaustausch, den wir da pflegen. Auf diese Stunden freue ich mich schon wieder, denn ich bin  sicher, dass ich noch längst nicht alle Geschichten weiß, die Wolfgang Pichler zum Besten geben könnte.

Foto: Eberhard Thonfeld / Camera 4

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