Sigi Heinrich-Blog: Biathlon ist plötzlich Randsportart

Manchmal hat man kein Glück und dann kommt auch noch Pech dazu. Ein Fußballspieler hat diesen Satz in die Welt hinein gehämmert und nachdem er dafür natürlich oft belächelt wurde (Fußballspieler halt…), stellt man mittlerweile fest: Ist ja gar nicht so falsch die Aussage. Der Wintersport bietet breiten Raum, um diese Volksweisheit stets mit neuem Leben zu füllen. Die Biathleten zum Beispiel: Die Terminwahl, noch unter der alten Führung der Internationalen Biathlon-Union (IBU) zustande gekommen (allerdings sind noch viele Entscheidungsträger von damals dabei), war eher unglücklich mit den beiden Weltcup-Veranstaltungen in Nordamerika vor den Weltmeisterschaften in Östersund. Wann und wie soll man eine Formdelle wieder glätten und reparieren, wenn man absolut keine Chance dazu erhält? Denn neben den Rennen ist der Reisestress ein Faktor, der nicht zu unterschätzen ist. Und dann kommt die Zeitumstellung hinzu. In Kanada und den USA und natürlich klappt das mit dem Schlafrhythmus nach der Rückkehr auch nicht sofort. Akklimatisierung heißt das Zauberwort, das gleichbedeutend ist mit Zeitverlust. Das Training leidet darunter und das Leben irgendwie auch. Ein paar der besten Biathleten der Welt haben deshalb die Reißleine noch vor dem Abflug gezogen und sich gar nicht erst auf das Abenteuer Nordamerika eingelassen. Da war der KinetiXx-Vorzeigeathlet Martin Fourcade (Frankreich) ebenso dabei wie Simon Schempp (Deutschland), Jakov Fak (Slowenien), Sebastian Saumelsson (Schweden) oder Ondrei Moravec (Tschechien). Allesamt hochdekoriert fanden sie in dieser Saison nicht in den Tritt, blieben hinter den eigenen Erwartungen zurück und gehören im Grunde jetzt schon zu den Gewinnern der Reise nach Übersee. Weil sie nicht dabei waren, als die große Kälte an den Kräften ihrer Konkurrenz zerrte. Arnd Peiffer etwa gehört zu den Opfern. Er musste seinen Staffeleinsatz absagen. Schon der kurze Einzelwettkampf war zu viel für ihn. Im Kampf um die Punkte im Gesamtweltcup, die letztlich auch wichtig sind für einen möglichen Einsatz im Massenstart bei der Weltmeisterschaft, hätten ihm jetzt wichtige Punkte gefehlt aus dem Sprint von Canmore. Doch dieser wurde wegen zu tiefer Temperaturen zweimal abgesagt. Pech also für die IBU, die ihren Sport in Europa nicht zur besten Sendezeit präsentieren konnte, Glück aber für Peiffer und die große Schar derer, die zu Hause bei schönen winterlichen Verhältnissen trainieren können.

Ich ahne, wie die Reaktion sein wird: Man wird künftig einen weiten Bogen um Ausflüge außerhalb Europas machen, was freilich gegen die Statuten der IBU wäre, denn klar ist dort auch die Vorgabe verankert, dass der Biathlonsport in die Welt hinausgetragen werden soll. Neue Märkte sollen erschlossen werden. Nur hat man das dafür richtige Rezept noch nicht gefunden. Ein Blick in den Terminplan des Internationalen Ski-Verbandes (FIS) könnte helfen. Die Alpinen starten ihre Saison regelmäßig in Kanada und den USA (abgesehen von Sölden und dem Slalom im finnischen Levi). Würde die IBU ähnlich vorgehen, hätte das im Grunde fast nur Vorteile: In Canmore etwa ist Ende November immer herrlicher Winter, beste Voraussetzungen. Ja, viele Mannschaften könnten gar ihre Trainingsquartiere dort aufschlagen, anstatt  im hohen Norden Europas nach ein paar Kilometern Schnee zu suchen. Dann wären sie schon in Übersee (Akklimatisierung) und könnten mit einem Weltcup beginnen. Und dann zurück nach Europa mit dem üblichen Programm. Gut, man hätte dann vier Weltcups vor Weihnachten und ich kenne die Argumente: Alles zuviel sagen die Trainer. Aber ein IBU-Cup vor dem Weltcup, etwa in Idre, findet statt. Mancher Athlet kann sich da noch für den Weltcup qualifizieren und hat dann auch vier Wettkampfblöcke zu absolvieren. Dieses Programm mutet man erstaunlicherweise den Biathleten zu, die noch nicht fest zur Weltklasse gehören. Das darf schon zu denken geben. Mein Vorschlag: Saisonstart in Canmore mit Mixed-Staffel, Sprint und Verfolger. Und zwar jedes Jahr. Regelmäßig. Denn wenn der Weltcup nur ab und zu in Ländern auftaucht, die noch keine große Biathlon-Tradtion haben, wird sich das immer so anfühlen, als käme der Zirkus mit den seltsamen Sportlern, die da laufen und schießen, mal wieder vorbei. Exotenstatus nennt man das.

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