Elchgeflüster: Sigi`s WM-Tagebuch

Es sind genau 2160 Kilometer, die zwischen Seefeld in Tirol (Österreich) und Östersund in Jämtland (Schweden) liegen. Eine ordentliche Distanz würde ich sagen. Und doch ist momentan, trotz der Entfernung, eine gemeinsame und ziemlich enge Verbindung zu erkennen, auf die sicher beide Ortschaften verzichten könnten. Das Band ist blutgetränkt. Doping. Der in Seeleld jüngst aufgedeckte Skandal um Blutdoping macht auch nicht Halt vor der Weltmeisterschaft im Biathlon. Obwohl hier noch rein gar nichts passiert ist und, so hoffen wir alle fast inständig, dass auch nichts in dieser Richtung aufgedeckt werden wird. Es gibt keine neuen Fakten und trotzdem: Als Mark Kirchcner, der Cheftrainer der deutschen Mannschaft, gestern vor die versammlte deutsche Presse trat, gab es höflicherweise zunächst Fragen nach den Athleten, nach dem Gesundheitszustand von Laura Dahlmeier (leicht Erkältung, aber sie konnte trainieren, wenngleich sie auf einen Einsatz in der Mixedstaffel verzichtete) und nach der möglichen Aufstellung für den Sprint. Aber dann wurde der Vorhang der Allgemeinplätze schon zugezogen und die Causa Doping nahm in der Folge breiten Raum ein. Kirchner ist längst Profi auch im Umgang mit den Medien. Das brachte ihn nicht aus der Ruhe und doch sagte er einen Satz mit stärkerer Betonung.“

Wir wollen uns hier doch auf den Sport konzentrieren,“

 

meinte er und sprach damit vielen aus der Seele. Auch wir spüren diese dunkle Wolke, die scheinbar mühelos  von Tirol nach Skandinavien gezogen ist und die versucht, sich wie ein Schatten über diese WM zu legen. Die Kollegen, die jetzt erst anreisen, bringen – so ist das immer schon gewesen – die aktuellen Tageszeitungen mit und nur ein Blick genügt, um zu erkennen, dass die Titelkämpfe der Biathleten eher in der linken unteren Seite auftauchen, wo erfahrungsgemäss weniger gelesen wird. Doping dominiert die Überschriften. „Leistungssport ist reine Heuchelei“. titelt eine deutsche Tageszeitung auf ihrer Sportseite und übernimmt damit eine Aussage von Stefan Matschiner, einem österreichischen Mittelstreckenläufer und Sportmanager, der Blutdoping bei einigen seiner Athleten betrieb und vor neun Jahren nach Beschuldigung ehemaliger Klienten von ihm zu einer fünfzehnmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde, die er freilich nie antreten musste. Die ehemaligen Sünder, die dereinst kriminelle Strukturen aufbauten, werden plötzlich reingewaschen und sind die neuen Helden. Zuviel der Ehre, viel zu viel. Sie sollten nicht mal zu Wort kommen dürfen. Eigentlich ist es eine untragbare Situation, denn jede Behauptung von Matschiner wird in diesem Interview unwidersprochen gedruckt. So gibt er den Hinweis, dass man ja nur nach Slowenien fahren müsse, um Blutdoping zu machen. Da seien die Gesetze lascher. Wer in Österreich erwischt wird, so sein Tenor, sei selber schuld. Natürlich wird das jetzt gelesen, deshalb wurde es ja auch veröffentlicht, denn jetzt ist ein guter Zeitpunkt. Eine Weltmeisterschaft wurde eben begonnen und das auch noch in der Lieblingswintersportart der Deutschen. Das generiert automatisch mehr Interesse wobei die Problematik auch darin besteht, dass mancher Leser kaum noch differenziert. Da werden alle ziemlich schnell in einen Topf geworfen und Biathlon ist dann auch gleich Langlauf. Noch freilich dominiert trotzdem in Schweden momentan ein anderes, eher leichtes Thema. Der Winter ist nämlich zurück mit aller Macht und kräftigen Schneefällen und der erste Wettkampf fand auch schon statt und endete mit einer Silbermedaille für die deutsche Mixedstaffel mit Vanessa Hinz, Denis Hermann, Arnd Peiffer und Benedikt Doll. So allmählich  bewegen sich die rein sportlichen Geschichten wieder in die Mitte der Zeitungsspalten, wo sie sich hoffentlich lange einnisten können. Und vielleicht verflüchtigt sich die schwarze Wolke ja doch noch. Ich will halt auch ein bisschen träumen dürfen. Das hilft manchmal gegen die eigene Verunsicherung, die sich ebenfalls nicht ganz leugnen lässt.

Von der Weltmeisterschaft in Östersund wird es jetzt täglich, auf unserem Blog, einen ganz persönlichen Einblick von Eurosport Kommentator Sigi Heinrich, hinter die Kulissen der WM geben – Elchgeflüster eben. Stay tuned!

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