Elchgeflüster: Sigi`s WM-Tagebuch

Endlich eine große Fete und wir hatten allen Grund, gut drauf zu sein, denn Arnd Peiffer hatte in einem der schwierigsten Einzelrennen einer Weltmeisterschaft in den letzten Jahren die Goldmedaille gewonnen. Stumpfer Schnee, mörderische Anstiege, wechselnde Winde: Die Umstände hätten nicht dramatischer sein können, doch Peiffer schien die Ruhe selbst zu sein. Vier Schießeinlagen bewältigte er fehlerlos und wenn ich an dieser Stelle mal richtig persönlich werden darf: Ich habe mich sehr über seinen Sieg gefreut, weil ich ihn schon zwölf Jahre kenne, und er war in all diesen Jahren immer ein angenehmer und netter Gesprächspartner, dem die Erfolge nie zu Kopf gestiegen sind. Also war eine große Sause angesagt und zufällig hatten die Organisatoren für die internationale Journaille an diesem denkwürdigen Abend ein Buffet aufgebaut. Zwangslos sollten sich alle gütlich halten im Vorraum des Pressezentrums, das schon von dem Augenblick an überfüllt war, als die ersten Tische aufgebaut wurden. Vor allem die TV-Kollegen des schwedischen Fernsehens drängten sich an die Käsewürfel und leerten die Bierkästen. Einige Kollegen wurden gar die Treppen hinuntergeschoben, was durchaus gefährlich war. Wer sich einen kleinen Teller sichern konnte, gehörte zu den Glückskindern dieser wilden Party, die typisch war für diese Weltmeisterschaft. Ich bin jetzt schon über zwanzig Jahre in der Szene dabei, habe aber eine derart nachlässige und lustlose Betreuung noch nie erlebt. Ich will nicht jammern. Wirklich nicht. Wir, also, diejenigen, die wir hier arbeiten und uns meist den ganzen Tag an der Anlage aufhalten, bekommen nicht mal Wasserflaschen zur Verfügung gestellt. Im Vorjahr beim Weltcup gab es noch als Höhepunkt des Gourmet-Festivals labbrige Hot-Dogs, die wir mittlerweile direkt vermissen. Man kann sich für zehn Euro einen Gutschein kaufen und bekommt dann in einem ausgelagerten Zelt kalte Nudeln serviert. Es ist hier schon ein Running Gag wenn einem zugerufen wird: „Du hast hier schon ganz schön zugenommen“. Es gibt keine Pins, es gibt keine kleinen Aufmerksamkeiten, die Ergebnislisten sind oft nicht vollständig vorrätig. Selbst die Athleten beklagen das Essen im sogenannten Family-Bereich, zu dem nur sie und die Trainer und Betreuer Zutritt haben. Matthias Ahrens, der kanadische Trainer aus Kochel am See, hat mir erzählt, dass der medizinische Bereich aus zwei Bierbänken besteht und einem Biertisch, den man aber erst aufbauen muss. Einer seiner Athleten, Christian Gow, benötigte ärztliche Hilfe nach Magenproblemen. Ahrens war geschockt. In den Umkleidekabinen sitzen die Athleten dichter zusammen als Hühner in der Massentierhaltung, wie mir aus sicherer Quelle zugetragen wurde. Nein, wir erwarten hier nicht Firstclass-Service oder Rundumbetreuung den ganzen Tag. Wir brauchen keine Kaviarhäppchen und gebeizten Lachs. Wir wollen eigentlich nur, dass gewisse Standards auch bei einer WM geboten werden, die wir aus Hochfilzen, Oberhof und im Besonderen aus Ruhpolding und Antholz bekommen. Da gibt es neben den Kalorien auch noch herzliche und vorbildliche Betreuung. Der Weltmeisterschaft in Östersund fehlt weltmeisterliches Niveau. Auch auf den Zuschauerrängen ist das zu erkennen. Volle Tribünen sehen anders aus.

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