Elchgeflüster: Sigi`s WM-Tagebuch

Tür auf. Ein Bett, ein Schrank, ein Schreibtisch. Mit etwas Glück gibt es im Bad ein Fenster, meist nicht. Mit viel Glück hat das Zimmer einen Holzboden, meist nicht und dann sieht man dem Teppich seine Lebensjahre an, denn ganz fleckenlos ist er oft nicht. Hotelzimmer gleichen sich auf jedem Kontinent. Dank optimaler Raumausnutzung wird ein Optimum an Gewinn erzielt. Hat man auch noch das Pech, ein Einzelzimmer buchen zu müssen, wird es wirklich eng. Denn dann klebt die Matraze an der Wand und wann immer man sich im Schlaf umdreht, schlägt ein Arm an die Tapete. Natürlich lässt sich das vermeiden bei Buchung einer höheren Kategorie. Das ist dann eine Frage des zur Verfügung stehenden Budgets. Oder aber man geht diesen meist schmucklosen Hotelbauten aus dem Weg und bucht ein Haus. Boris Becker oder Steffie Graf haben das zu ihrer Zeit in Wimbledon schon praktiziert und sind dabei nobel untergekommen. Die jeweiligen Besitzer der Häuser in der Nähe der Tennisanlage wurden von ihren jeweiligen Besitzern komplett den Sportlern zur Verfügung gestellt. Von den Einnahmen liess sich dabei lässig ein Urlaub buchen. Mit Kingsize-Bett im Hotel. Jetzt haben auch die Biathleten diese Form der Unterkunft für sich entdeckt. Ein Haus für alle. Mit eigener Küche und viel Freiraum. Mit einem Wohnzimmer wie zuhause, mit einem kleinen Vorgarten. Mit Auslauf eben. Da öffnet man die Türe des Schlafzimmers und steht nicht gleich in einem seelenlosen, engen Gang. Man trifft maximal die Kollegen und nicht ständig wildfremde Menschen, die vielleicht auch noch um ein Autogramm nachfragen. Fast alle Nationen haben sich während der Weltmeisterschaft in Östersund so versorgt. Ich freue mich, dass ich diesbezüglich ausnahmsweise mal meiner Zeit voraus war. Schon vor acht Jahren bin ich auf einen Bauerhof gezogen in eine Vorratskammer, die der Besitzer zu einem gemütlichen Häuschen umgebaut hat. An die ersten Kommentare damals kann ich mich noch heute erinnern. Ich sei, so meinten die Kollegen, viel zu weit weg vom Schuss. Und sie schauten mich fast mitleidig an, weil ich vor meiner Haustüre nur schneebedeckte Wiesen habe und keine Restaurants, keine Geschäfte. Wie, so war der einmütige Tenor, kann ich da überhaupt überleben?. Ich habe mir dann die Mühe gemacht und viele mal eingeladen. Und siehe da: Sie sind plötzlich sogar ein wenig neidisch geworden. Plötzlich hiess es: Ja, Mensch, die Ruhe, die ist ja einmalig. Und: So weit weg ist das ja gar nicht. Natürlich habe ich sofort erwähnt, dass dieses Häuschen  nur an mich vermietet werden kann während der Biathlonwochen. Damit da niemand auf falsche Gedanken kommt.  Meine Gastgeber Monika und ihr Ehemann Mats  sind mir nämlich längst ans Herz gewachsen. Auf den Service eines eigenen Kochs, den sich viele Mannschaften gönnen, kann ich übrigens verzichten, da ich sowieso leidenschaftlich auch am heimischen  Herd mein Unwesen treibe. Aber auch die deutschen Männer sind diesbezüglich bestens versorgt, denn Benedikt Doll hat die Freude am Kochen von seinem Papa Charly Doll übernommen, der in seinem Seminarhotel „Sonnenhof“ die Gourmetherzen höher schlagen lässt. Ich habe am ersten Abend Spaghetti Carbonara aufgetischt.  Natürlich die italienische Variante ohne Sahne, wie das leider in Deutschland so üblich geworden ist. Und die Sache mit der Einsamkeit, die ist jetzt auch nicht mehr so dramatisch, denn mit Helmut Hanus, Head of Wintersportmarketing von Kinetixx und Alfred Eder, dem Vater des österreichischen Baithleten Simon Eder, teile ich mir während der Weltmeisterschaft mein schwedisches Wohnjuwel. Es macht nämlich viel mehr Spass, grössere Portionen zu kochen und noch mehr macht es Spass, gemeinsam zu essen mit einem schönen Blick auf die tiefverschneite Lanschaft. Seelentraining nenne ich das gerne.

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