Elchgeflüster: WM-Tagebuch von Sigi Heinrich

Geradeaus, und zwar schnurgeradeaus liegt die Straße von Östersund nach Sollentuna vor uns. Links Wälder, rechts Wälder. Zum Glück muss ich nicht die ganzen 140 Kilometer fahren, sondern von Östersund aus nur vierzehn, um dann zu unserer kleinen Vorratskammer zu gelangen, in der wir wohnen. Zu dritt, Helmut Hanus, Head of international Winter Sports bei Kinetixx, Alfred Eder, der Papa von Simon Eder, dem österreichischen Biathleten, der zum zweiten Mal in Östersund nach 2008 an einer Weltmeisterschaft teilnimmt und eben meine Wenigkeit. Ich habe die Unterkunft vor acht Jahren entdeckt, weil ich müde war, immer in Hotelzimmern zu nächtigen. Jetzt sind wir in diesem kleinen Haus, das schnuckelig umgebaut wurde mit offenem Kamin und einer Aussicht, die nur ein Traum ist. Schneefelder, so weit das Auge reichte. Die neun Kühe des Bauern weiden draußen, haben aber, wenn sie denn wollen, natürlich auch einen Stall. Liegt ganz bei ihnen. Das Frühstück gibt es von der Bäuerin. Hausgemacht alles. Absolut alles. Würde im Moment nicht gerade die Weltmeisterschaft stattfinden, ich würde den Aufenthalt glatt als Urlaub bezeichnen wollen. Der einzige Nachteil an unserem Außenposten ist die Fahrt von Brynje (so heißt der Weiler) nach Östersund und wieder zurück. Denn, wie gesagt, Wälder säumen die Straße und in den Wäldern lebt der Elch. In Schweden lernt man schnell, dass die Geschwindigkeitsbegrenzungen einen Sinn haben, denn urplötzlich kann so ein Elch mitsamt seiner Familie unverhofft die Straße queren. Letztes Jahr ist mir das hier passiert und glauben Sie mir: Das ist nicht lustig. Das sind Riesenviecher. Und sie haben es selten eilig. Fast provozierend langsam wechseln sie von einer Straßenseite auf die andere. Und wenn man glaubt, man könne jetzt weiterfahren, kommt garantiert noch ein Nachzügler angerauscht. Ja, es ist gefährlich. Es sind gewissermaßen schlanke Elefanten  und ihr Geweih ist furcherregend und würde aus der Windschutzscheibe in Sekunden Brösel machen. Klar, wir haben natürlich bei uns zu Hause auch Wildwechsel, doch so ernsthaft wie in Schweden mit den Elchen ist die Gefahr bei uns eigentlich nicht. Hier muss der Autofahrer ständig damit rechnen, dieser gewaltigen Gattung aus der Tierwelt Auge in Auge gegenüber zu stehen, weshalb man in Schweden nie nur geradeaus schauen darf. Links und rechts lauert die Gefahr. Wer das Glück hat, keine Elche auf der Straße zu treffen, kann zur Farm „Moose-Garden“ fahren und dort problemlos das Haustier der Schweden beobachten. Der Elch, für den Magdalena Neuner einst die Patenschaft übernahm, ist übrigens jetzt elf Jahre alt. Er kam auf die Welt kurz vor der letzten Weltmeisterschaft in Östersund 2008. Es geht ihm gut. Er musste freilich auch nie eine Straße überqueren.

Heute startet die Weltmeisterschaft in Östersund um 16:15 Uhr mit der Mixed Staffel. So wird es jeden Tag, neben den News aus dem Wettkampfgeschehen einen ganz persönlichen Sigi Heinrich – Einblick hinter die Kulissen der WM geben – Elchgeflüster eben.

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