Einblicke in das norwegische Team

Sigi Heinrich Insights:

Die gute, ja eigentlich die allerbeste und allerschönste Nachricht die es gibt, lässt das eher schwache Abschneiden der Norweger beim Sprint in Ruhpolding weit in den Hintergrund rücken: Johannes Thingnes Boe ist  vor drei Tagen Papa geworden. Die nächste Generation hat also das Licht der Welt erblickt. Ob der kleine Gustav  eines Tages mal seinem Papa nacheifern wird, steht natürlich in den Sternen. Aber auch ohne ihn  ist es um den Nachwuchs in Norwegen  in den nächsten Jahren gut bestellt. Mehr als in allen anderen Nationen rücken im Weltcup junge Athleten nach wie Johannes Dale und Alexsander Fjeld Anderson. Beide sind erst 22 Jahre alt. Dale gehört bereits zur ersten Garde, Andersen durfte nach seinen Siegen beim IBU-Cup einen kurzen Abstecher zum Weltcup machen. Kommt Johannes Thingnes Boe zurück, vielleicht schon beim Weltcup in Slowenien (darüber denkt er gerade nach) wird wohl Andersen seinen Platz wieder verlieren. Für die Norweger ist das selbstverständlich. Die Kriterien, um im Weltcupteam eingesetzt zu werden, sind klar umrissen. Wer den Eindruck hinterlässt, er könne nicht in die absolute Spitze vorstoßen, sieht sich über kurz oder lang wieder in der zweiten Wettkampfserie wieder. Das Wartezimmer für den Weltcup ist prall gefüllt in Norwegen.

In erster Linie hängt das auch damit zusammen, dass Langlauf in Norwegen mehr ist als nur ein Sport. Langlauf ist ein kulturelles Gut. Wenn Norweger sagen, sie gehen jetzt Skilaufen, dann meinen sie ausschließlich Langlauf. Und meist ist dann die ganze Familie unterwegs. In Oslo gehören Langläufer in der Straßenbahn, die zum Holmenkollen hinauf führt, zum Alltag. Die sperrigen Ski stören niemand. Langläufer sind Helden in Norwegen, mehr noch als Biathleten, die sich freilich in den letzten Jahren auch ihren Platz in der Publikumsgunst gesichert haben. Das frische und sehr sympathische Auftreten der gesamten Mannschaft trägt viel dazu bei.

Auch an Wettkämpfen herrsch kein Mangel. Beim Norwegen-Cup sind regelmäßig mehr als 500 Teilnehmer aller Altersklassen am Start. Einige wollen und können sich  dort für den IBU-Cup qualifizieren, andere einfach nur in einem Wettbewerb ihren Leistungsstand ausloten. Am Ende des Winters gibt es dann jedes Jahr einen  Massenauflauf beim „Barna Liatoppen Skiskytterfestival“ mit über 2000 Langläufern.  Aus der Masse heraus rekrutiert sich die Klasse, wobei den Norwegischen Spitzenathleten fast gänzlich ein soziales Netz fehlt. Neidisch blicken sie nach Deutschland,  Italien oder Österreich, wo fast alle Athleten und Athletinnen abgesichert sind durch Positionen in öffentlichen Behörden. Bei ausbleibendem Erfolg ist das Grundgehalt nie in Frage gestellt. Die norwegischen Asse haben können davon nur träumen. Sie erhalten keinerlei staatliche Unterstützung. Wollen sie von ihrem Sport leben, müssen sie erfolgreich sein. Aus dieser Situation heraus erwächst eine ungeheure Motivation und Leistungsbereitschaft. Und so ist es kein Zufall, dass im Biathlon sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen Norwegen in der Nationenwertung führt. Unangefochten wie schon in den vergangenen Jahren.

 

Foto: K. Voigt Fotografie

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