Der zweite Mann oder König für einen Winter

Jahrelang war das in Seefeld so: Immer unmittelbar nach Bekanntgabe des Beschlusses der FIS, den Zuschlag für die Ausrichtung des so genannten „Triples“ in der Nordischen Kombination wieder an den österreichischen Wintersportort zu vergeben, begannen sie in Tirol mit dem Schnitzen der Siegerpokale. Und immer ritzte man den Namen des Siegers gleich mit ein, in die Trophäen: Eric Frenzel!

Der Sachse hat zu Seefeld ein besonderes Verhältnis. 2010 gewann Frenzel dort zum ersten Mal einen Weltcup, 2013 folgte ein Doppelsieg und als sich die Tiroler entschlossen hatten, ihre Wettkampfserie „Triple“ zu taufen, war Frenzel da. Vier Jahre – bis 2016 oder 14 Weltcups lang dauerte der Siegeszug des Oberwiesenthalers. In Seefeld bauten sie inzwischen Skilifte, Straßen, Einkaufszentren und überlegten, die nach Frenzel zu benennen. Zum Glück haben es die Österreicher nicht gemacht. Denn auch andere hätten es verdient gehabt, so geehrt zu werden.

Nehmen wir zum Beispiel Akito Watabe aus Japan. Der agierte jahrelang als Schattenmann, ehe er nach mehreren Anläufen 2018 endlich selbst ins Licht des Siegers treten konnte. Watabe und Frenzel – das ist eine ganz besondere Beziehung, geprägt von Respekt, Toleranz, der gegenseitigen Achtung und der Anerkennung der Leistung des Konkurrenten. Wäre da nicht der Leistungssport und die damit verbundene Rivalität, man könnte vielleicht von einer Freundschaft sprechen. Was auch daran liegt, dass sich der 31jährige eher stille Ausnahmekönner aus dem Olympiaort Hakuba in der Präfektur Nagano (1998 Austragungsort Olympischer Winterspiele) und der Oberwiesenthaler schon sehr lange kennen. Beide zählen mit ihren jeweils 31 Jahren im Weltcupzirkus praktisch zum Inventar.  Watabe gibt es zudem eigentlich nur im Doppelpack, neben Akito ist nämlich auch sein drei Jahre jüngerer Bruder Yoshito im Weltcup unterwegs, oft allerdings ein paar Plätze weiter hinten gelistet. Der Star der Familie bleibt der Ältere; er ist auch der Vorzeigekombinierer Japans und somit Nachfolger der Kono, Abe und Ogiwara, die im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts für die Erfolge gesorgt hatten.

Akito Watabe jedenfalls lief spätestens 2018 aus Frenzels Schatten. Im Jahr zuvor hatte der Mann aus Fernost schon am Gesamtsieg geschnuppert, sich aber nach einer Energieleistung des Deutschen im letzten Lauf noch geschlagen geben müssen. Im Olympiajahr aber schlug Watabes große Stunde. Drei Starts – drei Siege, mehr geht nicht. Der 1,73 Meter große und nur 60 Kilogramm schwere Athlet krönte sich zum neuen Kombinierer-König, zum Nachfolger des Regenten Eric, holte zudem auch den Gesamt-Weltcup. Allerdings: Die Herrschaft des bis dahin „Ewigen Zweiten“ und nun Allerersten dauerte nur 12 Monate, dann schwang sich Österreichs Mario Seidl zum „King of Triple“ auf. Watabe konnte allerdings behaupten, letzter Seefeld-Sieger zu sein, denn weil die WM 2109 ebenda stattfand, hatte man den Wochenend-Dreikampf kurzerhand nach Frankreich verlegt. Seit dem ersten Februarwochenende ist aber auch die Seefeld-Herrlichkeit für Akito Watabe Geschichte. Denn mit Norwegens Jarl Magnus Riiber krönte sich ein junger Norweger zum neuen König. Riiber siegte wie einst Frenzel und Watabe gleich dreifach, lies keinen Zweifel an seiner Überlegenheit und gewann die in diesem weltmeisterschaftslosen Winter damit den nach dem Gesamtweltcup wichtigsten Pokal. Watabe gratulierte artig und freute sich über seine drei Top-Ten-Platzierungen, die ihn auch im Weltcup wieder näher an die besten 10 heranbringen. Und im kommenden WM-Winter – das gilt für Watabe ebenso wie für Frenzel – werden die Karten dann neu gemischt, die alten Könige versuchen, ihre verlorenen Positionen zurückzuerobern.

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