Der lange Schatten vom Schattenberg

Ausgerechnet bei der WM scheitert Top-Favoritin Tara Geragthy-Moats beim Springen

Es gibt im Sport nur wenige Sieger, dafür umso mehr Verlierer. Besonders bitter aber sind Niederlagen, wenn man als Topfavorit in das entscheidende Rennen zieht, seine Konkurrenz bis zu jenem Tag dominiert hat, eigentlich gar nicht weiß, was das ist: Verlieren!

Die Nordische Kombination der Frauen feierte in Oberstdorf WM-Premiere. Und eigentlich gab es nur die Silber- und die Bronzemedaille zu verteilen, denn in den letzten Jahren thronte eine Winterzweikämpferin über allen: Tara Geragthy-Moats. Die US-Amerikanerin war (und ist) das Maß der Dinge in ihrer noch jungen Sportart. Das hat Ursachen. Geraghty-Moats erwarb sich Meriten sowohl als Biathletin, als auch beim Skispringen. In beiden Sportarten verkörperte sie internationale Klasse, aber nach ganz vorn in der Welt reichte es weder hier noch da – zu wenig für die ambitionierte und erfolgsorientierte Sportlerin. Und deshalb sattelte sie nach der Saison 2018/19 noch einmal um – wechselte zur Nordischen Kombination. Da war die junge Frau aus Vermont schon 25 Jahre alt. Was aber nun kam, war ein einzigartiger Siegeszug. Im bis dato höchstklassigen Wettbewerb, dem so genannten Continental-Cup, gewann sie nach Belieben mit riesigem Abstand auf die oft noch sehr junge Konkurrenz, den Sommer-Grand-Prix dominierte sie mit Erfolgen in Oberhof, Oberwiesenthal und Klingenthal und bei der Weltcup-Premiere in Ramsau im Dezember letzten Jahres fuhr sie einen Start-Ziel-Sieg ein, der Abstand zur Konkurrenz war erneut riesig. Was also sollte da noch schief gehen mit Blick auf die WM?

Es ging schief. Bestens vorbereitet erschien die designierte Weltmeisterin auf der Schattenbergschanze zum ersten Training – und scheiterte kläglich. Die Normalschanze von Oberstdorf und die Kombiniererin aus den Vereinigten Staaten wollten nicht zueinander finden. Erschwerend kam hinzu, dass es die finanziellen Möglichkeiten des US-Verbandes und der Sportlerin selbst nicht zugelassen hatten, vor der WM in Oberstdorf schon mal zu testen und die Trainingsmöglichkeiten im unmittelbaren Umfeld der WM für alle Teilnehmerinnen gleich gering waren. Geragthy-Moats probierte und probierte – aber es funktionierte nicht. Die Konkurrenz aus Norwegen und Österreich segelte ihr um die Ohren. Am Wettkampftag standen für die 27jährige schmale 86 Meter zu Buche, zur Spitze fehlten stolze 21 Meter, die schärfste Konkurrentin und spätere Weltmeisterin Gyda Westvold Hansen nahm 2:10 Minuten Vorsprung in die Loipe mit, diese Zeit über fünf Kilometer aufzuholen war selbst für die Beste im Feld ein unmögliches Unterfangen.

Geragthy-Moats startet als Achtzehnte. Und kam als Fünfte ins Ziel. War mehr als eine Minute schneller als die neue Weltmeisterin, das sind über 5 km Welten, rannte um 13 Plätze nach vorne und war dennoch untröstlich. Denn in den Annalen des Weltverbandes, im Geschichtsbuch des Sports wird ihr Name nun nicht eingraviert, als die erste, die einen WM-Titel in der Nordischen Kombination der Frauen gewann.

Da war es fast ein Hohn, dass man ihr nach der offiziellen Siegerehrung die große Kristallkugel für den Gesamtweltcup überreichte. Als Trostpflaster? Nach nur einem Wettbewerb? Geagthy-Moats nahm den Pokal entgegen. Und hofft nun, dass das IOC die Kombiniererinnen erhört und den Wettbewerb 2026 ins Programm aufnimmt. Da wäre sie 32 – noch längst nicht zu alt, um erfolgreich zu sein. Aber eines ist der Amerikanerin natürlich auch klar – so leicht, wie in Oberstdorf wird das Siegen bei Großereignissen nie wieder. Leider war die Schanze am Schattenberg dagegen.

 

Foto: K.Voigt Fotografie

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