{"id":590,"date":"2019-03-09T17:09:21","date_gmt":"2019-03-09T17:09:21","guid":{"rendered":"http:\/\/wintersport.news\/?p=590"},"modified":"2019-07-17T09:32:35","modified_gmt":"2019-07-17T09:32:35","slug":"elchgefluester-sigis-wm-tagebuch-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wintersport.news\/en\/elchgefluester-sigis-wm-tagebuch-2\/","title":{"rendered":"Elchgefl\u00fcster: Sigi`s WM-Tagebuch"},"content":{"rendered":"<p>Wirklich nur fl\u00fcstern diesmal. Kein lautes Wort. Bitte. Denn es ist schlimm, richtig schlimm. Und traurig und dramatisch. Ein sportliches Schicksal, wie es ab zu mal vorkommt. Eines, dass man aber niemandem w\u00fcnscht, weil es im \u00e4rgsten Fall gar eine Karriere zerst\u00f6ren kann. Der Sachverhalt klingt zun\u00e4chst eher n\u00fcchtern. Lisa-Theresa Hauser aus \u00d6sterreich zielte im Sprint auf die falschen Scheiben. &#8222;Crossfire&#8220; nennt sich das im Fachjargon. Sie hatte auf dem Schie\u00dfstand 29 Platz genommen und r\u00e4umte auf 30 alles ab. Perfekt. Das war keine \u00dcberraschung, denn Hauser geh\u00f6rt im Umgang mit dem Kleinkalibergewehr im Biathlon zu den besten Athletinnen. In schnellem Rhythmus traf sie ins Schwarze. Traumhaft. Dann drehte sie sich um und ihr Gesicht erstarrte zu einer Maske. Sie bedeckte mit einer Hand ihr Gesicht und in diesem Moment wurde ihr zumindest ein Teil der Tragweite dieses Fehlers bewusst. Lisa-Theresa Hauser hatte die gr\u00f6\u00dfte Chance ihres Lebens durch diese Unachtsamkeit vergeben. Liegend hatte sie schon alle f\u00fcnf Scheiben getroffen und nun stehend auch. Nur eben auf den Scheiben daneben. Das Urteil ist vernichtend. F\u00fcnf Fehler. F\u00fcnf Strafrunden. Und diese sind in \u00d6stersund bei der Weltmeisterschaft auch noch zwei Sekunden l\u00e4nger als normal. Man ben\u00f6tigt ungef\u00e4hr 24 Sekunden f\u00fcr eine Runde. In diesem Augenblick brach f\u00fcr die Tirolerin die Biathlonwelt zusammen. Sie lief die Strafrunden und auch das Rennen zu Ende. Mit hochrotem Kopf und tr\u00e4nen\u00fcberstr\u00f6mt. Die Arbeit eines ganzen Jahres zerfiel in winzig kleine Einzelteile. Nichts mehr war und ist jetzt so wie fr\u00fcher, denn die Auswirkungen beschr\u00e4nken sich eben nicht nur auf dieses eine Rennen, auf den Sprint bei der WM, sondern l\u00f6sen eine Kettenreaktion aus, die kaum zu verkraften ist. Zun\u00e4chst verfehlte sie als 70. die Teilnahme am Verfolger. Das ist in ihrem Fall deshalb so fatal, weil ihr damit auch die M\u00f6glichkeit genommen wird, weitere Punkte f\u00fcr die Weltcupwertung zu holen. Sie lag vor dem Sprint auf dem 15. Platz. Genau 15 Biathletinnen haben ein fixes Startrecht bei der WM im Massenstart. Jetzt liegt sie auf Rang 16 und m\u00fcsste im Einzelrennen, das hier in \u00d6sterreich l\u00e4uferisch h\u00f6chste Anforderungen stellt, in etwa den f\u00fcnften Platz erreichen, um doch noch die Qualifikation zu schaffen. Realistisch betrachtet ist dies kaum m\u00f6glich. Und es geht noch weiter. Die Hochrechnungen ergaben bei Hauser, dass sie bei korrektem Schie\u00dfen auf der Bahn 29 am Ende wohl F\u00fcnfte geworden w\u00e4re. Und sie h\u00e4tte damit eine famose Ausgangsposition f\u00fcr den Verfolger besessen, bei dem viermal geschossen werden muss. Sie h\u00e4tte ihre St\u00e4rken ausspielen k\u00f6nnen und wer wei\u00df: Vielleicht, vielleicht&#8230;. vorbei. Aus dem kleinen Medaillentraum ist ein Albtraum geworden, der nicht von heute auf morgen aufh\u00f6ren wird. Ein solches Dilemma brennt sich ein in die Seele eines Sportlers. Der Turner, der am Reck nach einem Flugteil den Griff an die Stange verpasst, der Bobfahrer, der eine Kurve zu fr\u00fch oder zu sp\u00e4t ansteuert und seinen Schlitten ins Schlingern bringt, der Kanute, der sich eine Krebs einf\u00e4ngt, also ins Leere paddelt, der Fu\u00dfballspieler, der einen Elfmeter verschie\u00dft. Beliebig k\u00f6nnte man die Reihe fortsetzen.<\/p>\n<p>Es ist die Kehrseite des Sports, jene, die im Verborgenen schlummert und die doch, wie eine b\u00f6se Fratze manchmal auftaucht um Unheil zu verbreiten. F\u00fcr Lisa-Theresa Hauser ist es ein schwacher Trost, je eigentlich keiner, dass viele der besten Biathletinnen in der Vergangenheit schon &#8222;Corssfire&#8220; erlebt haben. Magdalena Forsberg, Magdalena Neuner oder Darya Domratscheva, die einmal stehend statt liegend schie\u00dfen wollte. Nur das Publikum, das sich lautstark bemerkbar machte, verhinderte diesen Fauxpas, der Domratscheva 2015 fast den Gesamtweltcup gekostet h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Hauser konnte niemand helfen. Sie hat mit ihren Fehlsch\u00fcssen nicht nur ein Rennen verloren, sondern in dieser halben Minute gleich mehrere Chancen zunichtegemacht. Das macht ihre Situation so fassungslos unbegreiflich. Zum Gl\u00fcck ist sie jetzt nicht alleine. Ihr Freund Lorenz W\u00e4ger ist auch Biathlet. Ihre Eltern sind ihre gr\u00f6\u00dften Fans und haben ihre Karriere immer unterst\u00fctzt. Sandra Flunger, die mittlerweile Trainerin in der Schweiz ist, hat sie ausgebildet und ist jetzt auch hier in \u00d6stersund. Lisa ist nicht alleine. Aber auch das ist letztlich nur ein schwacher Trost, denn in vielen Momenten ihrer weiteren Karriere wird dieser Tag doch ihre Gedanken beeinflussen, sich einschleichen wie ein Gift mit Langzeitwirkung. Die Zeit, hei\u00dft es oft so lapidar, die Zeit heilt Wunden. Ich kenne sie ein wenig, auch ihre Eltern. Lisa ist ein durchwegs positiv gestimmter Mensch und deshalb bin ich in ihrem Fall auch positiv eingestellt und wer wei\u00df: Vielleicht gelingt es ihr sogar sp\u00e4ter mal, im Weichzeichner ihrer pers\u00f6nlichen Geschichte, \u00fcber dieses Erlebnis in \u00d6stersund milde zu l\u00e4cheln. Auch, dass das Leben weitergeht, ist eine ber\u00fchmte Binsenweisheit, die dennoch im Sport ihre Berechtigung hat. Am n\u00e4chsten Donnerstag steht n\u00e4mlich der Single-Mixed-Wettkampf an. Gemeinsam mit Simon Eder hat sie bei den letzten Wettk\u00e4mpfen dieser noch relativ neuen Disziplin in Pokljuka und Soldier Hollow zweimal den zweiten Platz belegt. Das w\u00e4re hier in \u00d6stersund eine Silbermedaille&#8230;&#8230;.<\/p>\n<p>Jeden Tag gibt es eine neue spannende Geschichte aus dem WM-Geschehen von \u00d6stersund. Eurosport Kommentator Sigi Heinrich nimmt uns mit hinter die Kulissen in Schweden &#8211; <strong>Elchgefl\u00fcster<\/strong> eben.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wirklich nur fl\u00fcstern diesmal. Kein lautes Wort. Bitte. Denn es ist schlimm, richtig schlimm. Und traurig und dramatisch. Ein sportliches Schicksal, wie es ab zu mal vorkommt. Eines, dass man aber niemandem w\u00fcnscht, weil es im \u00e4rgsten Fall gar eine Karriere zerst\u00f6ren kann. Der Sachverhalt klingt zun\u00e4chst eher n\u00fcchtern. 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